Theodizee

Der folgende Text wurde dem Buch: „Neue Theologie, Physik, Indizien, Experimente“ entnommen. Der Text soll in Form einer philosophischen Erörterung Grundlagen zu der Frage der Theodizee beschreiben und zur Diskussion stellen.
Im Ergebnis, dies vorweggenommen, zeigt sich mit einer doch nicht geringen Wahrscheinlichkeit, dass Gott nicht nur nicht verantwortlich für das sein kann, was wir Menschen als Leid empfinden, sondern dass für Gott sehr wahrscheinlich Leid nicht als Leid erkennbar sein könnte. Die Erörterung zeigt, dass in der Konsequenz wir Menschen alleine für die Entstehung und Erleiden von Leid die Verantwortung tragen.

Betrachtungen zur Einleitung

Das Weinen eines jeden unschuldigen Kindes ist der Beweis, dass es einen Gott nicht geben kann.
Georg Büchner prägte diese wirklich eindrucksvolle Erkenntnis, welcher seitdem DER Beweis für die Richtigkeit des Atheismus ist.

Die Anhänger des Atheismus argumentieren damit, dass es keinen allmächtigen und gerechten Gott geben kann, denn dann dürfte dem (noch) unschuldigen Kind kein Leid geschehen.

Die Schlussfolgerung daraus ist:

Entweder: Gott ist ungerecht, denn er lässt es zu, dass einem unschuldigen Wesen Leid geschieht,
oder: Gott ist nicht allmächtig, da er dieses ungerechte Leid nicht verhindern kann.

Damit zeigt sich, dass es einen allmächtigen Gott nicht geben kann. Bestenfalls wäre das dann ein Gott mit Fehlern oder ein schwächlicher Gott, mithin also kein Gott.

Jedoch, dieser Satz von dem weinenden, unschuldigen Kind als Argument für die Nichtexistenz eines Gottes ist falsch.
Wir werden dies im folgenden erörtern und dabei eine verblüffende Erkenntnis gewinnen.

Die eigentliche Frage hinter dem Satz des weinenden Kindes ist:
Wer oder was ist dafür verantwortlich, dass dieses unschuldige Kind weint.
Ja, eigentlich müssten wir die Frage komplexer stellen und uns fragen:

Was ist überhaupt das Leid, und wer kann dafür verantwortlich gemacht werden?

Nähern wir uns diesem Thema philosophisch, so ist es notwendig, erst einmal das Leid zu analysieren.
Wir müssen uns fragen, welche Arten von Leid gibt es überhaupt?

Die Kriterien

Dazu wollen wir Leid in drei grobe Kategorien einteilen.

a) Das bewusst erzeugte Leid.
Beispiele: Ein Mensch gibt einem anderen eine Ohrfeige, erniedrigt ihn, stiehlt etwas, betrügt,….

b) Das unbewusst erzeugte Leid.
Beispiele: Ein Raubtier fällt einen Menschen an, ein Bauwerk enthält einen Fehler und stützt ein,….

c) Das physikalisch erzeugte Leid.
Beispiele: Erdbeben, Vulkanausbruch, Sturmflut,…

Soweit der Ansatz einer Klassifizierung des Begriffes Leid.
Sicherlich gibt es dazu weitere Unterklassen, aber im Grunde können wir Formen des Leides in diese drei Kategorien gliedern.

Nehmen wir als Beispiel das vielzählige Leid, welches der Atombombenabwurf über Hiroshima erzeugte. So ist dies zwar eine Kette von Verantwortlichkeiten (Erfinder und Konstrukteur mit dem Ziel, eine Waffe zu erbauen, bis hin zum Soldaten, der dann letzten Endes den Knopf für den Abwurf drückte).
Dies lässt sich in die Kategorie a einordnen, das bewusst erzeugte Leid.

Betrachten wir den Fall, dass ein umstürzender Baum einen Spaziergänger verletzt. Dies wäre in Kategorie b einzuordnen, denn für den umstürzenden Baum sind, auch wenn ein Windstoß dies als abschließende Ursache bewirkte, letzten Endes die Käfer und Würmer verantwortlich. Diese haben nämlich den Baum soweit geschädigt, dass das Unglück geschehen konnte.

Das gemeinsame Kriterium

Nachdem wir nun für Leid eine erste Klassifizierung festlegten, müssen wir einen weiteren wichtigen Schritt in der Erörterung des Leides gehen und das Kriterium suchen, das allen Kategorien gemeinsam ist.

Beginnen wir mit der untersten Kategorie (c), denn damit finden wir einen Ansatz wohl am leichtesten.

Was ist die Ursache für beispielsweise ein Erdbeben.

Die Antwort ist einfach und klar. Ein Erdbeben entsteht, weil (in der Regel) die Bewegung der Kontinente eine Spannungen aufbaut, welche sich in einem kurzen Augenblick „entladen“, also entspannen kann.

Doch die Ursachen liegen noch etwas tiefer.
Die Bewegung der Kontinente als Grundlage für die Entstehung einer kontinentalen Spannung geschieht deshalb, weil sich die Erde dreht und in ihrer Gestalt verändert. Dadurch entstehen zusätzliche Kräfte, welche auf die Kontinente einwirken und zu den Spannungszuständen beitragen.

Aber auch damit sind wir nicht am Ende der Ursachen. Der Mond dreht sich um die Erde, es gibt eine gegenseitige Anziehungskraft, und diese wirkt somit ebenfalls auf die Bewegung der Kontinente.
Gleiches geschieht aufgrund der Bewegung der Erde um die Sonne, aufgrund der Bewegung des Sonnensystems in unserem Universum, und so weiter und so fort.

Wir sehen, es gibt eine Vielzahl von Kräften, welche letzten Endes Ursache für ein Erdbeben sind.

Wir können aber feststellen, dass diese uns bekannten Ursachen um so weniger beteiligt sind, je allgemeiner diese wirken, beziehungsweise je weiter die Ursachen entfernt sind.
Wir können auch festhalten, dass die stärkste und entscheidende Ursache für ein solches Leid aus einem Erdbeben die physikalischen Gesetz von Spannung, Reibung und Entspannung sind, wobei sich auch alle anderen Ursachen auf den Grundsatz Spannung und Entspannung zurückführen lassen.
Damit lassen sich die Ursachen für ein Erdbebenunglück in den physikalischen Gesetzen finden.

Wenden wir uns nun der Kategorie (b) zu.

Ein Mensch geht im Wald spazieren und wird von einem wilden Tier oder von einem umstürzenden Baum verletzt.
Was geschieht dabei? Das Tier verletzt den Menschen, weil es vielleicht Hunger hat und den Menschen fressen will, oder, es verletzt den Menschen, weil es sich bedroht fühlt. Auch der umstürzende Baum fällt nur deshalb um, weil Käfer und Würmer hungrig waren und den Baum soweit angefressen haben, dass er nicht mehr standsicher war, umstürzte und damit Leid erzeugte.

Die Tiere haben dieses Leid nicht deshalb verursacht, weil sie Leid an sich erzeugen wollten, sondern weil sie einen Überlebenstrieb haben. Das Eigene zu bewahren ist dabei die Haupttriebfeder für die Tat, welche dann Leid erzeugt.
Gehen wir in der Betrachtung noch ein wenig tiefer, so können wir auch hier dieses Handeln (Selbsterhaltungstrieb) auf einen Zustand von Spannung und Ausgleich zurückführen. Denn ein solches Tier hat auf der einen Seite ein Hungergefühl (Spannung) und gleicht dies durch Zuführung von Nahrung aus (töten und essen). Ebenso geschieht es über die gefühlte Bedrohung des Tieres, welches uns angreift. Diese Bedrohung (Spannung) gefährdet den Lebenserhaltungstrieb und wird durch eine Aktion (Bekämpfung) versucht zu beenden – auszugleichen.

Wenden wir uns nun der Kategorie (a) zu.

Ein Mensch gibt einem anderen eine Ohrfeige erzeugt damit körperliches und seelisches Leid (Schmerz und Erniedrigung).

Gleichgültig, ob eine solche Handlung stattfindet, oder ob etwas gestohlen wird, oder ob ein Vorgesetzter seine schlechte Laune am Untergebenen auslässt oder ob der Soldat den Knopf für den Bombenabwurf drückt, allen diesen Leid erzeugenden Handlungen liegt das gleiche Prinzip wie in Kategorie b (und auch c) vor. Es geht dabei um den Überlebenstrieb, um dem Ausgleich von Spannungen.

Dieser Ansatz muss noch etwas verdeutlicht werden.

Der Mensch, der einem anderen eine Ohrfeige gibt, tut dabei etwas Grundlegendes für sein eigenes Überleben. Er beweist sich als stärker als der Geschlagene, zeigt den anderen Menschen, dass eine Bedrohung seiner selbst risikoreich ist und verhindert damit solche möglichen Angriffe gegen sich selbst, er baut zudem durch diese Handlung sein Selbstbewusstsein auf, wird damit stärker und hat so künftig mehr Chancen, in einem Konflikt zu überleben und steigert damit seine Chance, sich zu vermehren.

Wir sehen, dass die Handlung einer Ohrfeige ein zwar ungerechtes Handeln dem anderen gegenüber, aber gut für den eigenen Überlebenstrieb ist.

((Bild 32))
Beschreibung: A → Der Mensch will sich etwas Gutes tun und erzeugt eine Handlung X.
B → Die Handlung X wirkt zurück als Gutes auf den Erschaffer (Mensch). C → Das gleichzeitig mit dem Guten erschaffene Leid X wirkt auf andere Menschen.

Auf diesen Überlebenstrieb lassen sich im Grunde genommen alle solche Handlungen zurückführen, die anderen Menschen (und Tieren, Pflanzen), Leid zufügen.

So gesehen kann man alle Handlungen dieser Kategorie, die Leid erzeugen, auf diesen einfachen Überlebenstrieb zurückführen, gleichgültig, ob diese zum Erhalt des Ich´s oder zum Zeigen der Macht, des Status oder allgemein der Fähigkeit zum Überleben dient, ob damit die Fortpflanzung einfacher wird (imponieren) oder ob das Eigentum vermehrt wird (Diebstahl, Betrug), oder ob Gefahren beseitigt werden (Totschlag)…..

Sogar das Handeln einer Mutter, die ihr Leben dafür opfert, dass ihr Kind überleben kann, ist eine Form des Selbsterhaltungstriebes, denn damit lässt sie ihre Gene überleben. Und, nicht zu vergessen ist der Held, der in einem Konflikt sein Leben für Kameraden oder Familie opfert. Auch er tut etwas, das im Grunde genommen eine Handlung des Überlebenstriebes ist.

((Bild 33))
Beschreibung: A → Eine Mutter opfert sich (tut sich Leid an) und erzeugt eine Handlung X.
B → Die Handlung X wirkt zurück auf die Mutter als Leid auf den Erschaffer (Mensch). C → Das gleichzeitig mit dem Leid erschaffene Gute X wirkt auf andere Menschen (die Kinder).

Dieser Selbsterhaltungstrieb lässt sich ebenfalls auf die Grundmechanismen von Spannung und Entspannung zurückführen. Denken wir dabei nur daran, dass es zwar einmal virtuelle Spannungen sind, sich diese aber letzten Endes auf Ladungsunterschiede der Elektronen im Gehirn zurückführen lassen. Anders gesagt, diese Handlungen lassen sich auf eine Form der Spannung und des (versuchten) Ausgleiches zurückführen. Die Spannung ist dabei auf den ersten Blick zwar eher geistig (virtuell) aber im Grunde genommen doch eine materielle Spannung (Gene, Hormone, Elektronen im Gehirn,…).

Wir können also nun als Etappe in unserer Erörterung festhalten, dass sich die Ursache für Leid allgemein darauf zurückführen lässt, dass Spannungen und damit deren Ausgleich zugrunde liegen.

Schuld und Verantwortung

Nun sollten wir uns einem weiteren Kriterium von Leid zuwenden. Das ist die Frage von Schuld und Verantwortung.
Für das Zuordnen einer Schuld ist immer Voraussetzung, dass eine Verantwortung besteht.

Und damit ist nicht die natürliche Verantwortung für sich selbst (Selbsterhaltungstrieb) gemeint, sondern Verantwortung für das andere Leben, dem wir Leid zufügen.
Eine solche Verantwortung können wir nicht vom Vulkan verlangen, der einfach ausbricht und Menschen Leid zufügt. Verantwortung können wir auch nicht dem Tier unterstellen, das uns fressen will, Verantwortung ist eine Sache, die offensichtlich nur uns Menschen gegeben ist.

Und das ist etwas Eigenartiges, denn es besteht offensichtlich ein kausaler Zusammenhang der Verantwortung und der Schuld mit dem Leid.
Dieser Zusammenhang ist aber nur (derzeit) bei Handlungen von Menschen zu finden.

Schauen wir deshalb, ob es mit Schuld und Verantwortung auch andere Verknüpfungen gibt.
Und wir finden, dass ein ursächlicher Zusammenhang mit der Möglichkeit zur Entscheidung besteht, welcher sich letzten Endes auf die Erkenntnis unseres Selbst zurückführen lässt(FN Das heißt, dass Schuld am Leid erst dann entsteht, wenn eine Lebensform die Erkenntnis seiner selbst hat.FN).

Zwischenschritt:

Gehen wir gleich einen Schritt weiter in unserer Betrachtung. Bleiben wir nicht dabei stehen, den ursächlichen Zusammenhang von Leid, Schuld, Verantwortung mit der Erkenntnis des Selbst zu finden, sondern stellen wir uns die Frage, wie kann Schuld und Verantwortung in uns entstanden sein?

Dazu bieten sich zwei Varianten an.
Wir müssen uns fragen, sind diese Werte aus Verantwortung, Schuld, Leid als Ergebnis einer Entwicklung entstanden oder wurde uns dies „irgendwie“ mitgegeben. Sehen wir also nach, ob diese Werte irgendwo in der Evolution auftauchen. Denn sie müssen ja irgendwann mal „klein“ angefangen haben und sich dann von Entwicklungsstufe zu Entwicklungsstufe weiter herausgebildet haben.

Jedoch, wir finden nichts, weder Anfangswerte noch Zwischenschritte noch andere Arten von Verantwortung oder Erkenntnis oder letzten Endes auch nicht von einer Entscheidungsfreiheit. Selbst der Nestbau der Vögel, oder das Aufziehen des Nachwuchses im Tierreich, lassen sich auf den jeweils eigenen Selbsterhaltungstrieb zurückführen.
Eine wie auch immer geartete Weiterentwicklung dieses Selbsterhaltungstriebes im Tierreich zum Erkennen einer Verantwortung und damit auch in der Folge von Schuld bei Fehlverhalten ist in dem Handeln zur Selbsterhaltung nicht zu erkennen.

Eine evolutionäre Entwicklung von Verantwortung und darauf aufbauend einer möglichen Schulderkenntnis ist nicht zu finden.
Also können wir nur den Schluss ziehen, dass irgendetwas, vielleicht eine andere Lebensform oder Gott uns diese Werte gegeben oder eingepflanzt oder in uns erweckt hat.

Eine interessante Fragestellung wäre es, ob es nicht andere Lebensformen gewesen sein könnten, die dies in uns einbrachten.
Doch das ist zu kurz gedacht. Selbst wenn es sogenannte Außerirdische waren, die uns Menschen das Bewusstsein der freien Entscheidung und damit von Schuld und Verantwortung gebracht haben, so müsste es doch ein göttliches Wesen gewesen sein, das diesen Außerirdischen solche Werte und Erkenntnisse gab.
Doch auch wenn man dies wieder anderen Außerirdischen zurechnet, die dann „unseren“ Außerirdischen diese Werte eingaben, so müsste es doch irgendwann in der Vorzeit irgendein erstes Wesen gegeben haben, das Bewusstsein, Schuld und Verantwortung erstmalig erwachen ließ. Und damit könnten wir vielleicht ein Wirken Gottes in unserem Leben erkennen.

Doch zurück zu der Frage einer Evolution der Werte Verantwortung und darauf basierender Schuld.

Es lässt sich doch eine Komponente der Entwicklung der Werte von Schuld und Verantwortung erkennen.
Das könnten wir im Altruismus, Heldentum, Opfern für die Gemeinschaft sehen.
Im Grunde genommen hat sich damit aus dem ursprünglichen Selbsterhaltungstrieb in uns eine höhere Form entwickelt, die Verantwortung für andere Menschen, für Tiere, Pflanzen….
Aber dies finden wir nur in uns Menschen.
Wenn man dem entgegenhalten würde, dass zum Beispiel Tiere sich sehr wohl für die Gemeinschaft opfern würden (gemeinsames Verteidigen gegen Angreifer, gemeinsames Jagen,…), so ist dies nicht mit der Aufopferung beim Menschen zu vergleichen, denn ein Tier kann im Kampf gegen einen Angriff auf die Gemeinschaft sehr wahrscheinlich nicht den eigenen Tod(FN Die Diskussion der Erkenntnis des eigenen Todes ist der Schlüssel für eine weitere Betrachtung auf dieser Webseite, nämlich die Erörterung der Frage, wie eine höhere Lebensform für uns erkennbar werden könnte. FN) erkennen, der die Konsequenz seines Handelns wäre, sondern die Verteidigung ist Teil des unmittelbaren eigenen Überlebens. Dieses Überleben ist in der Gruppe einfacher, also lässt sich, auch aufgrund des fehlenden Wissens um die Konsequenz des eigenen Todes, dieses Handeln bei den Tieren und Pflanzen auf den Überlebenstrieb zurückführen.

Anders der Mensch, denn er weiß um das einschneidendste Ereignis seines Lebens, die Konsequenz seines Todes als Folge seines Wirkens für die Gemeinschaft.

Diese Verantwortungs-Evolution beim Menschen können wir zwar nicht aus einer natürlichen Evolution ableiten, sondern auf, und hier schließt sich der Kreis, ein mögliches göttliches Wirken. Mit diesem möglichen göttlichen Wirken lässt sich vielliecht erklären, warum gerade die Religionen dazu beitragen, die Fürsorge für Andere zu einem Ideal zu machen.
Die eigentliche Eigenschaft der Selbstlosigkeit, Anderen zu geben, zu helfen, war aber immer schon im Menschen vorhanden und kann deshalb als eine von Gott in uns gelegte Eigenschaft betrachtet werden.
Im Altruismus könnten wir das göttliches Element in uns erkennen.

Die Kraft der Verantwortung

Bestimmt sammelt jeder von uns irgendetwas. Wir wollen am Beispiel eines Sammlers von Briefmarken den Konflikt und die Gefahr aus diesem göttlichen Gemenge von Schuld, Verantwortung, Selbsterhaltungstrieb und Erkenntnis deutlich machen.

Briefmarkensammler vervollständigen ihre Sammlung beispielsweise durch das Tauschen.
Tauschen bedeutet, ich habe von einer Sorte viel und geben diese jemand anderem, der genau diese Sorte braucht, und dieser gibt mir dafür eine Briefmarke, die ich für meine Sammlung brauche.

Leid würde dabei auf den ersten Blick nicht entstehen. Und doch erzeugen beide Sammler Leid, denn beide geben etwas für sie Geringwertiges und erhalten etwas für sich Höherwertiges. Das Leid wird nur deshalb nicht als Leid empfunden, weil beide die Handlung als Erfolg für ihren Selbsterhaltungstrieb sehen.

Tatsächlich ist dies ein grundlegender Teil unserer Gesellschaft geworden. Der scheinbare Gewinn für einen Käufer (Schnäppchen) ist tatsächlich aber der Gewinn für den Verkäufer. Diese simple Regel wird in unserer Gesellschaft perfektioniert, indem man dem Käufer (Kunden) mittels Werbung das eigentliche Leiderlebnis in ein Erfolgserlebnis ändert.
Und dies geschieht nicht etwa aus ethischen Gründen, weil man dem Käufer Leid ersparen möchte, sondern weil man dem Käufer die Erkenntnis des Leides ersparen möchte, damit er wiederkommen wird und ihm weitere Produkte verkauft werden können. Und über die Bindung wird vom Verkaufsunternehmen in der Konsequenz noch mehr (unbemerktes) Leid erzeugt.

Aber wir wollen ja herausfinden, welche Stärke eine solche göttliche Kraft aus Schuld und Verantwortung hat.
Dazu überlegen wir uns, was würde denn geschehen, würden diese beiden Regelmechanismen Schuld und Verantwortung fehlen und ausschließlich der Selbsterhaltungstrieb wirken.

Dann würde Folgendes geschehen.
Ein Mensch trifft sich mit einem anderen, um Briefmarken zu tauschen.
Ein Tausch würde möglicherweise für unsere Person einen Gewinn bedeuten, aber auch gleichzeitig einen Verlust (denn er müsste ja auch eine eigene Briefmarke geben). Für den Überlebenstrieb gäbe es nur die Alternative, dass die gegebene Briefmarke zurückgenommen wird (über Raub, Diebstahl).
Als Konsequenz aber würde der andere sich wehren und vielleicht siegen, so er denn stärker wäre, oder er würde das Gericht anrufen und den ersten möglicherweise zu Gefängnis verurteilen lassen. Dies würde ebenfalls gegen den Überlebenstrieb sein, also müsste auch diese Gefahr verhindert werden.
Das aber wäre in letzter Konsequenz nur möglich, wenn der Tauschpartner getötet wird. Damit aber hätte der Täter dann einen größeren Teil der Gesellschaft gegen sich, die dann Maßnahmen gegen seinen Überlebenstrieb einleiten würden (Strafverfolgung, Blutrache,….). Also müsste in der Konsequenz der Täter auch die Familie des Opfers töten, und in der Folge die Polizei, die ihn verfolgen würde, und den Richter, und so weiter.
Am Ende hätte der Täter, sofern er die Möglichkeiten dazu besitzt, den gesamten Planeten menschenleer gemacht. Damit würde er einen weiteren Vorteil erhalten, denn er hätte damit alle Briefmarken der Welt in seinen Besitz gebracht.

Auf der anderen Seite aber würde er damit seinen Selbsterhaltungstrieb schädigen, denn es würde die Reproduktion von ihm nicht mehr möglich sein, es gäbe niemanden mehr, mit dem er Nachkommen schaffen könnte.

Dieses obige Beispiel mag auf den ersten Blick an den Haaren herbeigezogen wirken. Tatsächlich aber zeigt es uns, welche ungeheure Kraft und Konsequenz diese göttliche Eigenschaft der Empathie in sich tragen.

Relation von Gut und Leid

Wir können mit dem bisher Erörterten sehr wahrscheinlich annehmen, dass es einen unmittelbaren Zusammenhang von Gut und Leid geben könnte.

Das bedeutet, Leid entsteht IMMER durch den Menschen selbst.
Sehen wir uns dazu Beispiele zu den unterschiedlichen Kategorien an.

Zu a)
Ein Mensch gibt einem anderen eine Ohrfeige. Die schlagende Person tut sich selbst damit etwas Gutes, denn sie stärkt ihren Lebenserhaltungstrieb dadurch, dass sie ihre überragende Position festigt, vielleicht sogar erhöht und den Anderen erniedrigt.
Das Leid des Einen ist das Gute des anderen.
Dies lässt sich auf alle Beispiele der Kategorie a) anwenden, gleich ob ein Vorgesetzter seinen Untergebenen schikaniert, ob jemand stiehlt, oder was auch immer getan wird, es ist so, dass immer der Vorteil (das Gute) des einen bei einem anderen Leid erzeugt.

Zu b), c)
Können wir in der Kategorie a) diesen Zusammenhang von Gutem und Leid noch verstehen, ist ein solcher Zusammenhang in den Kategorien b) und c) nicht auf den ersten Blick ersichtlich. Und doch gibt es ihn.
Denn wir haben mit der Fähigkeit zur freien Entscheidung auch das Element der Verantwortung in uns.
Verantwortung betrifft aber auch Zukunft, gleichgültig ob für uns selbst oder für die Allgemeinheit.
Diese Verantwortung bringt uns dazu, sogenannte „Vorkehrungen“ für zukünftige Handlungen zu treffen. Das heißt, diese Kraft der Verantwortung für die Zukunft ist der Antrieb, etwas zu lernen, in Erfahrung zu bringen, experimentell zu untersuchen, zu erforschen, zu trainieren, etc.

Diese aufeinander aufbauende Kette von Wissen, das im Grunde genommen das Ergebnis zahlloser früherer Verantwortungen ist, kann uns und andere davor bewahren, Leid erleiden zu müssen. Mit dem heutigen Wissen können Erdbeben oft vorausgesagt werden und Gegenmaßnahmen als Schutz vor Leid erfolgen.
Wir können auch, mit dem entsprechenden Wissen, diejenigen Bäume im Wald markieren, die vom Umstürzen bedroht sind und nachfolgende Spaziergänger damit warnen und somit deren mögliches Leid verhindern.

In der Konsequenz bedeutet das: Würden wir über alles Wissen in unserem Universum verfügen, so würde damit das Leid der Kategorie b) und c) verschwinden, wenn wir es möchten.
Und sicherlich würde dann auch das Leid der Kategorie a) nicht mehr existieren, denn mit einem vollständigen Wissen würden wir auch alle Konsequenzen aus unserem Handeln erkennen können.

Damit sehen wir, dass Leid ausschließlich von uns Menschen erschaffen oder zugelassen wird oder zu verantworten ist, ob durch Handeln oder durch Unterlassen(FN Unterlassen bedeutet die Pflicht, auch das noch nicht erworbene Wissen zu erforschen.FN).

Eine göttliche Verantwortung oder sogar eine göttliche Pflicht zum „Eingreifen“ kann es da nicht mehr geben, denn damit würde die Freiheit und die Erfahrung unserer Selbsterkenntnis ad absurdum geführt.

Erkenntnis

Um zum Beginn dieses Kapitels zurückzukehren und die Erörterung zu schließen, können wir nun feststellen, dass die Behauptung, das Weinen eines unschuldigen Kindes sei ein Beweis für die Nichtexistenz Gottes, falsch ist.
Das Weinen eines unschuldigen Kindes ist ausschließlich auf ein menschliches Versagen oder Schuld oder Nichtwissen zurückzuführen, sei es durch eine direkte Schuld (keine Essen gegeben, die Windeln nicht gewechselt) oder durch eine indirekte Schuld (zu wenig Wissen zu schädlichen Nahrungsmitteln, zu wenig Wissen über Medizin, über Gefährdung durch andere Menschen oder Tiere,….).

Wir könnten ausschließlich dann Gott eine Mitschuld geben, wenn wir Gott unsere Freiheit der Entscheidung und unsere Erkenntnis des Seins zurückgeben würden.

Erkennen müssen wir, dass damit, dass wir eine offensichtlich göttliche Kraft in uns tragen, wir auch Pflichten übernommen haben.
Das Weinen eines unschuldigen Kindes als Beweis für die Nichtexistenz Gottes zu verwenden, mag für Menschen, denen eine oberflächliche Betrachtung ausreichend ist, genügen.
Die tiefere und hier zur Diskussion gestellte Erkenntnis aber zeigt, dass die Erörterung über das Weinen eines unschuldigen Kindes geradezu ein Indiz für eine Existenz Gottes ist.

Und diese Erörterung ergab die eigentlich überraschende Erkenntnis, dass das sogenannte Böse immer aus einem egoistischen Guten entsteht.
Das heißt, immer wenn wir uns selbst auf irgendeine Weise Gutes tun, erschaffen wir damit gleichzeitig etwas Böses.
Könnte darin vielleicht das liegen, was die Kirche als „Erbsünde“ bezeichnet?
Vielleicht finden wir hier sogar eine tiefere Wahrheit in dem Satz Jesu Christi(FN Diese Forderung nach Liebe des anderen ist Grundlage aller Religionen, schlechtestenfalls nur beschränkt auf die eigene Religionsgruppe.FN): Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.
Damit wird uns eine Regel gezeigt, wie wir in allen unseren Handlungen das daraus erwachsende Böse verhindern oder minimieren könnten und so dann gleichsam von alleine dazu beitragen, dass die Welt, die Gemeinschaft der Menschen, in Menschlichkeit leben darf?

Ist Leid die Schuld Gottes?

Im vorigen Abschnitt konnten wir sehen, dass wir, wir Menschen, die alleinige Ursache für all das sind, was wir als Unglück, Leid, bezeichnen. Entweder sind wir selbst die Verursacher oder wir hätten durch Wissen solches vermeiden können.

Jedoch neben dem Subjekt der Ursache für Leid und Unglück, welches alleine durch uns erzeugt bzw. ermöglicht wird, gibt es noch einen zweiten Gedanken, der von Atheisten als Beweis für die Nichtexistenz eines allmächtigen Gottes angeführt wird.

Dies ist die Frage nach der Verantwortung Gottes, also die Frage, warum Gott solches Unglück oder Leid zulässt. Denn wenn er allmächtig wäre, so würde er ja doch unser Leid verhindern können.
Wenn er das Leid nicht verhindert, also uns Menschen leiden lässt, so ist er entweder der böse oder der machtlose Gott, mithin also kein Gott.

Auch hier ist Frage und Antwort an sich nur auf den ersten Blick logisch gestellt. Tatsächlich aber ist die Fragestellung selbst subjektiv, weil sie eigentlich eine in eine Frage gekleidete Behauptung einer Eigenschaft enthält, was aber nicht auf den ersten Blick erkenntlich ist.

Denn der so Fragende unterstellt mit der Fragestellung Gott eine Eigenschaft.
Diese eigentlich menschliche Eigenschaft, dass Gott Leid genauso empfindet wie wir Menschen, also negativ, schädlich, schmerzend, mithin also, dass Gott ein (unvollkommenes) Wesen mit den genannten menschlichen Eigenschaften sei.

Diese Zuordnung einer Eigenschaft, willkürlich und ohne jeglichen Beweis, wird dann, wenn Gott nicht im Sinne dieser Eigenschaft reagiert, als Beweis dafür verwendet, dass Gott nicht in der Lage ist, die Folgen dieser (angedichteten) Eigenschaft zu korrigieren.

Um hier einen Weg zu einer Lösung aus diesem Kreisschlussbeweis zu finden, müssen wir etwas mehr tun, als nur zu zeigen, dass es sich um die menschliche Zuordnung einer menschlichen Eigenschaft an Gott handelt, welche dann in einer Frage formuliert wurde.

Damit wir eine Antwort finden, müssen wir als erstes definieren, was Leid und Unglück überhaupt sind.

Leid und Unglück (ich möchte ab hier vereinfachend nur noch vom Leid sprechen) besitzen eine wirklich merkwürdige Eigenschaft:

Leid entsteht immer aus einem Vergleich beziehungsweise aus dem Wissen einer weniger leidvollen Alternative(FN Neben den beiden anderen Eigenschaften Verantwortung und Schuld als Ursache und Wirkung, siehe Kapitel (im Buch) vorher.FN).

Ein paar Beispiele dazu, um es etwas verständlicher zu machen.

Beispiel Schokoladentorte.
Würden wir Menschen uns ausschließlich von Schokoladentorte ernähren und nichts anderes kennen, das wir essen, so wäre Schokoladetorteessen für uns ein vollkommen normaler und natürlicher Vorgang, wie etwa die Luft zum Atmen.
Wir würden auch nicht darüber nachdenken, ob wir zur Abwechslung einmal einen Krustenbraten essen wollten oder Reis oder Nudeln, wir würden all diese anderen Gerichte zur Nahrungsaufnahme nicht kennen.

Also würden wir das tägliche Essen von Schokoladentorte nicht als Leid empfinden.

Was aber wäre, wenn wir andere Nahrungsmittel kennen würden, zum Beispiel den Krustenbraten?

Wir würden uns dann sicherlich auch freuen, wenn wir statt des Krustenbratens auch Schokoladentorte essen könnten. Aber schon nach einigen Tagen würde sich die Lust auf „Schokoladentorte essen“ in ein leidvolles „Schokoladentorte essen müssen“ wandeln. Wir würden dann, wenn nur Schokoladentorte zur Verfügung steht, diese Form der Nahrungsaufnahme als Zwang, Qual, und damit als Leid empfinden.
Damit sehen wir, dass erst das Wissen um ein alternatives Essen aus einem neutralen Vorgang („Schokoladentorte essen“) ein Leid werden lässt.

((Bild 34))
Beschreibung: Fall X: Wenn Leid auf A uns einwirkt und wir sehen keine Alternative, können wir Leid nicht erkennen und nicht empfinden.
Fall Y: Wenn Leid B auf uns einwirkt und wir kennen einen Alternativ-Zustand, so erkennen und empfinden wir Leid.

Ein sicherlich einfaches Beispiel.

Wir wollen ein wenig tiefer gehen und uns einer anderen Form von Leid zuwenden, und zwar dem seelischen Leid.
Seelisches Leid könnte der Verlust eines lieben Freundes, eine enttäuschte Liebe oder allgemein Veränderungen in Beziehungen sein.
Auch hier können wir sagen, dass ein solches Leid erst dadurch zum Leid wird, weil wir einen vergleichbaren „besseren“ alternativen Zustand kennen.
Anders gesagt, wenn wir einen Freund verlieren, so befinden wir uns danach in einem sozialen Zustand ohne diesen Freund.

Ein solcher Zustand wäre, wenn wir Freundschaft nie kennengelernt hätten, emotionslos betrachtet für uns kein Zustand von Leid. Würde ein solches Leid alleine aus sich heraus für uns einen leidvollen Zustand bedeuten, so müssten wir Menschen alle in tiefster Traurigkeit unser Leben fristen, denn wir würden all die nicht erfolgten Beziehungen, welche mit allen Menschen auf dieser Welt möglich wären, als Trauer und Leid empfinden müssen.
Da dies aber nicht so ist, und wir offensichtlich kein Leid über die nicht vorhandenen freundschaftlichen Beziehungen mit allen anderen Milliarden Menschen empfinden, ist das Leid über den Verlust eines lieben Menschen erst dadurch entstanden, weil wir den Zustand der Freundschaft oder Beziehung mit genau dieser Person kennen und erfahren konnten.
Also auch hier lässt sich zeigen, dass Leid nur aus dem Wissen oder der Erfahrung einer Alternative erfolgt.

Betrachten wir eine weitere Form des Leides, welche auf dem ersten Blick dem bisher gesagten zu widersprechen scheint, denken wir an körperliches Leid, den Schmerz.

Doch auch hier ist Schmerz nicht als ein absolutes Leid definierbar.
Es gibt beispielsweise Menschen, die keinen Schmerz empfinden. Und denken wir auch daran, dass Schmerz durch beispielsweise lokale Betäubung nicht mehr spürbar wird.
Bei einer Schmerzempfindung erfahren wir ebenfalls einen Zustand, welcher aus dem Wissen zweier unterschiedlicher Zustände resultiert.
Nehmen wir den Fall, dass wir uns mit einem Messer einen Schnitt zugefügt haben, beispielsweise in der Küche beim Gemüseschneiden.
Einmal kennen wir den Zustand ohne diesen Schnitt und den Zustand nach dem Schnitt.
Mit dem Entstehen der Verletzung senden wir über unsere Schmerzleitungen ein Signal an unser Gehirn. Unser Gehirn und damit wir, interpretieren dieses Signal als etwas, das nicht gut für uns ist.
Und damit verfügen wir über die Information zweier unterschiedlicher Zustände, einmal den Zustand ohne Schnitt und den Zustand mit Schnitt. Beide erst ergeben in unserem Bewusstsein das, was wir als Leid benennen.
Mit dem Fehlen einer dieser beiden Informationsebenen würden wir den Zustand nicht mehr als Leid empfinden, gleich ob mit Schnitt oder ohne Schnitt.

Das hört sich natürlich erst einmal unglaublich an. Jeder „vernünftige“ Mensch wird hier sagen, wenn ich mich schneide, und einen Schmerz empfinde, so habe ich subjektiv ein Leid erfahren.

Aber dass dies jedoch nicht so ist, und dass Leid tatsächlich erst durch das Wissen um eine Alternative entsteht, soll am folgenden Beispiel gezeigt werden.

Wir alle leben auf unserem Planeten etwa im Bereich der Meereshöhe. Seien es ein paar hundert Meter tiefer, seien es 2000, 3000 Meter höher (Gebirge)
Wer von uns empfindet aber den doch ungeheuren Druck als Leid, mit dem die Luft unseren Körper zusammenpresst?
Wenn wir uns auf bewohnbarer Meereshöhe befinden, so leben wir in Wirklichkeit wie auf dem Grund eines gigantischen Ozeans aus Luft, der auf unseren Körper mit einem ungeheuren Druck von etwa 10 Tonnen pro m² drückt (das ist etwa ein Drittel eines russischen T34 Panzers), und die Oberfläche eines Menschen ist mehr als ein Quadratmeter, der Druck auf uns ist also noch höher.

Das heißt, wenn ein Mensch nicht schon sein ganzes Leben diesem Druck ausgesetzt wäre, wir müssten unglaubliche Qualen alleine dadurch erleiden, dass wir auf der Erde leben. Wüssten wir um eine bessere Alternative, so würden wir dieses Leben auf der Erde als unermesslich großes Leid empfinden.

Jeder von uns, der schon einmal im Schwimmbad vier Meter tief getaucht war, kann erzählen, wie deutlich der Druck in dieser doch geringen Tiefe auf uns wirkt. Hier haben wir dann die Alternative, welche uns durch einen Vergleich erkennen lässt, dass das Leben in einer solchen geringen Tiefe schon für uns eine leidvolle Erfahrung wäre.

((Bild 35))
Beschreibung: Den Luftdruck mit 10 t/m² spüren wir nicht als Leid, da wir keine Alternative kennen. Den Wasserdruck mit 100 kg/m² empfinden wir als Leid, weil wir Alternativen (kein zusätzlicher Druck) kennen.

Noch klarer wird der Vergleich mit der Schwerkraft. Schwerkraft wird von uns nicht als Leid empfunden. Erst die Astronauten, welche in einem schwerelosen Zustand gelebt haben, empfinden bei der Rückkehr auf die Erde die Schwerkraft als Leid.

Und ich möchte auch – auch wenn es den wissenschaftlich-philosophischen Rahmen verlässt – daran erinnern, dass viele Berichte der sogenannten Nahtoderfahrungen davon erzählen, wie unangenehm der Gedanke für die möglichen Aus-dem-Leib-Getretenen war, wieder in den engen, fehlerhaften, kranken Körper zurückkehren zu müssen.

Zusammenfassend ist nun erkennbar, dass Leid an sich sehr wahrscheinlich subjektiv nicht existiert, sondern immer erst dann aus einem Zustand der Betrachtung entstehen kann, wenn wir über das Wissen einer Alternative verfügen.
Ohne eine solche Alternative ist Leid nicht definierbar.

Was hat das alles mit Gott zu tun?

Nun, diese vorige Erkenntnis, dass wir nur dann etwas als Leid empfinden, wenn wir einen Alternativzustand kennen, lässt uns somit eine Antwort auf die Frage finden, warum für ein allmächtiges Wesen, für Gott, alleine aus dem Ansatz seiner Allmacht, ein Leid nicht als Leid, nicht als „negativer“ Zustand, definierbar sein kann.
Leid ist immer, wie wir vorher gesehen haben, ein Zustand, dessen Zustandserkennung daraus resultiert, dass wir um einen höheren, „subjektiv besseren“ Zustand wissen.

Ein Wesen, welches in allem sich nicht nur in einem höchsten Zustand befindet, sondern das auch darüber hinaus dieser höchste Zustand selbst ist, kann sich nicht einen noch höheren Zustand vorstellen, geschweige denn über einen solchen noch höheren Zustand etwas „glauben“. Dadurch, dass ein solches Wesen das Maximum einer Existenz ist, ja aufgrund seiner Allmacht sein muss, ist der Vergleich mit einer „höheren“ Alternative nicht möglich.

Anders gesagt, für Gott kann es Leid aus seiner Existenz nicht geben. Das schließt zwar nicht aus, dass beispielsweise wir Menschen etwas als Leid empfinden, aber für einen allmächtigen Gott wäre dies kein für ihn eigenes wahrnehmbares Leid.
Leid „untergeordneter“ Wesen, wie wir Menschen es sind, wäre für einen allmächtigen Gott eher die Kenntnisnahme eines von zwei unterschiedlichen Zuständen im Menschen, der aufgrund eigener subjektiver Erfahrung seinen augenblicklichen Zustand als Leid definiert.
Menschliches Leid muss damit für ein über uns stehendes Wesen (Gott) nur eine neutrale Betrachtung sein, welche erst im Wissen um eine „bessere“ Alternative zum negativen Leid wird. Ein Wesen, das allmächtig ist, kann einem Vorgang, den wir Menschen zu Leid umetikettieren, nicht als Leid empfinden und sehen.

Vielleicht noch ein Beispiel zur Verdeutlichung:

Auf einem Eisenbahngleis werden zwei Waggons aneinander gekuppelt. Dazu stößt ein Waggon den anderen etwas an.
Aus unserer Sicht (denkende Wesen gegenüber den nichtdenkenden Waggons) ist der Vorgang ein Zusammenstoßen beider Puffer mit vielleicht einer geringen Verformung des Materials, aber damit eine optimale Nähe zu einander, so dass die beiden Waggons miteinander verkuppelt werden können.

Wären die beiden Waggons lebende Wesen, so würden sie vielleicht den Augenblick des Aufeinandertreffens der Puffer als Leid empfinden, weil sie den Augenblick des Aufeinandertreffens der beiden Puffer als Verformung, als Schmerz empfinden und diesen in Relation zum vorigen Zustand, der „Freiheit“ setzen und damit als Leid werten.
Für den Menschen jedoch, der die Waggons zusammenstellt, ist dieser Zusammenstoß nur wertneutral als ein Erreichen der maximalen Nähe beider Waggons zum Zweck der leichteren Verbindung zu betrachten.

Genauso wertneutral müsste ein Wesen, welches als das höchste Wesen definiert ist, ein Ereignis empfinden, welches wir Menschen subjektiv und nur aus Kenntnis einer Alternative als Leid benennen.
Auch wenn es natürlich nicht möglich ist, Eigenschaften und Verhaltensweisen von Gott zu beschreiben oder solche ihm zuzuordnen, die obige Erörterung könnte damit zeigen, dass es für Gott den Begriff Leid nicht geben kann und er ein mögliches Leid von uns Menschen auch nicht als etwas notwendig zu Veränderndes sieht, bestenfalls als eine neutrale Veränderung. Der Sinn oder die Folgen, welche sich aus dem „Leid“ ergeben, der könnte das Hauptmoment zur Beurteilung des Zustandes „Leid“ für Gott sein, und diesen Sinn können wir wohl nicht mit den gleichen Augen Gottes sehen.

Damit könnten wir diese doch etwas umfassende Erörterung zum Thema Leid und Verantwortung Gottes eigentlich abschließen.
Aber leider ist dabei immer noch eine weitere Frage nicht beantwortet.

Diese Frage lautet:

Warum aber gibt es immer wieder Berichte, in denen von einem Eingreifen Gottes (oder der Engel, oder der Heiligen) erzählt wird, wenn wir doch gesehen haben, dass das höchste Wesen Leid nicht als Leid empfindet?

Eigentlich ist diese Frage mit einer guten Wahrscheinlichkeit zu beantworten, auch wenn es keine philosophische Ableitung ist. Denn darin könnte die Antwort oder der „Nutzen“ eines Gebetes oder Meditation oder Zwiegespräch mit Gott liegen.

Das Gebet, das Zwiegespräch, die Anrufung Gottes oder der Engel oder der Heiligen in einer Form, die uns (nicht nur) die christliche Kirche zu lehren versucht, könnte ein (oftmals) funktionierender Weg sein, mit der jenseitigen Welt in Kommunikation zu gelangen, und so könnte der Wunsch oder die Bitte nach einer Änderung zu einem Wirken führen.

Der Vorgang eines Gebetes könnte (neben vielen anderen Elementen der Wirkung zu einer anderen Welt) nämlich DAS Element sein, über das wir Gott (oder den Engeln oder den Heiligen oder unserem jenseitigen Bewusstsein) unser Leid nahebringen, sie oder auch Gott etwas von unserer Not erfahren lassen, vielleicht auch den Wunsch zeigen, dass wir diesen Zustand des Leides beendet haben möchten.
Denn durch eine solche Handlung, einem Gebet, einem Hilferuf, einer Bitte, können wir unseren unglücklichen oder traurigen Zustand für Gott (Engel, Heilige) erkennbar, spürbar werden lassen.

Wenn wir mit unserem Gebet, unserem Zwiegespräch mit unserem Engel oder mit einem Heiligen oder mit Gott eine kommunikative Verbindung ermöglichen, so könnte unser (niederer) Schmerz erkannt werden und vielleicht wird aus der höheren Ebene (Himmel) Hilfe erfolgen.
Vielleicht auch gegen unsere physikalischen Gesetze, was immer wieder bei Wundern möglich ist.
Vielleicht aber ist auch schon der innere Friede, den wir im Rückfluss durch ein solches inniges Gebet oder Zwiegespräch erlangen können, mehr als das subjektive Leid, das wir ablegen wollen.
Das kann uns aber auch zeigen, dass es in der Liturgie Dinge geben könnte, welche wir Menschen (noch) nicht verstehen, Dinge und Handlungen, welche vielleicht aus einem unbewussten Wissen entstanden sind.

Abschließend, um wieder zum eigentlichen Thema zurückzukehren, können wir mit dieser vielleicht philosophischen Erörterung sehen, dass einmal der atheistische Beweis der Unfähigkeit Gottes kein Beweis, sondern eine als Beweis geführte Fragestellung und Implikation von Eigenschaften zu Gott ist, und zweitens, dass es für uns Menschen über die Liturgie des Gebetes durchaus eine Chance geben könnte, Leid von uns nehmen zu lassen.

 

Weitergehende Diskussionsgrundlagen im Buch: „Neue Theologie Physik Indizien Experimente“
Trailer zum Buch: https://youtu.be/JWR_aD6JgRQ
Webpräsenz des Projektes: https://www.platon-projekt.net

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